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Ansiedlung der Siemens-Schuckert-Werke und Bau von Arbeitersiedlungen in Bad Neustadt (Historisches Ereignis)
  1936/37 bis Gegenwart
  Beschreibung

Arbeitsbeschaffung und nationalsozialistische Umstrukturierung
Die Siemens-Schuckert-Werke in Berlin bauten ab 1936/1937 ein Zweigwerk in Bad Neustadt an der Saale auf. Vorausgegangen waren Gespräche mit dem Wirtschaftsberater der Gauleitung, Kurt Haßlinger, im Herbst 1936. Nach zweimonatiger Überzeugungsarbeit, so schreibt Haßlinger, habe er das Unternehmen zur Ansiedlung in Bad Neustadt bewegen können. Zunächst sollten 1000 Leute mit Schulungen auf die Arbeit vorbereitet werden, 500 der neuen Arbeiter bzw. Angestellten sollten aus der Rhön kommen.
Diese Industrieansiedlung in Bad Neustadt verfolgte mehrere Ziele. Laut Haßlinger sollte die „traurige Lage“ der Rhönbewohner beseitig werden: Viele Rhöner erwirtschafteten als Kleinbauern nicht genug, bekamen aber von den Arbeitsämtern keine zusätzliche Arbeit vermittelt, weil sie nicht unter den Personenkreis fielen, der an Notstandsarbeiten teilnehmen durfte. Wie sich im Verlauf von Haßlingers Ausführungen von 1936 zeigt, ging es bei wirtschaftlichen Neuordnung einer ganzen Region aber keineswegs nur um Arbeitsbeschaffung im Dienste der Menschenfreundlichkeit, sondern auch um die Verwirklichung des Dr.-Hellmuth-Plans. Der sah nämlich im Zuge der völligen wirtschaftlichen Neuordnung im nationalsozialistischen Sinne die Schaffung von Erbhöfen und zugleich die Absieldung von Rhönbewohnern vor – der angeblichen Zerstückelung von Grundstücken, Überbevölkerung und Inzucht sollte durch Ausdünnung der Bevölkerung Abhilfe geschaffen werden.

Rechnungen im Dienst der Umverteilung von „Blut und Boden“
Haßlinger rechnet vor, dass 500 bei Siemens und Schuckert beschäftigte ehemalige Kleinbauern je rund 4 Hektar Land abgeben würden, wenn sie „aus der Flurgemeinschaft“ ausscheiden, sprich vom Land in die eigens errichteten Heimstättensiedlungen ziehen würden. Der dadurch anfallende „Landvorrat“ von 1.875 Hektar sollte solchen „Volksgenossen“, die Bauern bleiben, zufallen und ihnen die Vergrößerung ihres Besitzes auf Erbhofgröße (ungefähr 15 Hektar) ermöglichen. Die neuen „bodenverbundene[n] Existenzen in der Industrie“ sowie die Industriebetriebe selber hätten wiederum Bedarf an Gewerbe- und Handelsbetrieben. Dadurch, so rechnet Haßlinger, scheiden weitere Menschen aus der „Flurgemeinschaft der Landwirte“ aus. Einerseits seien mit diesem Verfahren 4.320 Leute (gerechnet wird mit 6köpfigen Familien) „krisenfest“ unterzubringen, andererseits könnten allein durch die von der Siemes-Ansiedlung ausgelösten Umstrukturierungen 680 Erbhöfe geschaffen werden.
Die gleiche Rechnung legt Haßlinger auf in Bezug auf 500 neue Arbeitsplätze bei der Firma Preh vor. Dass man bei den Umstrukturierungsmaßnahmen vor allem Rassen- und Agrarpolitik sowie die landwirtschaftliche Autarkie des Deutschen Volkes im Auge hatte, und dass das persönliche Wohlergehen im Zweifel hinter der „Gesamtleistung“ zurücktrat, klingt bei Haßlinger nur am Rande an.

„Gesunde Bauernhöfe“ und „volkswirtschaftlich wertvolle“ Arbeiter

Deutlicher wird Max Kraus, Vorstand der Landwirtschaftsstelle Bad Neustadt, der über 220 neue Kleinsiedlerstellen „für Abgesiedelte aus aufgelockerten Rhöndörfern“ berichtet. Der Sinn der Industrieansiedlungen und Bevölkerungsumsiedlungen liege darin „auf der einen Seite gesunde Bauernhöfe mit starker Erzeugungskraft zu schaffen, andererseits Arbeiter anzusetzen, die mit Erfolg eine Siedlerwirtschaft betreiben, die volkswirtschaftlich wertvoll ist, während sie im Hauptberuf in der Fabrik stehen“ – wobei schon angedeutet wird, dass hier Personen gemeint sind, die rassischen, sippenkundlichen und ideologischen Anforderungen genügten.
Die Siemens-Schuckert-Werke schlossen sich dem Siedlungsbau der Firma Preh an – in der Nähe von Nad Neustadt entstand die Industriearbeitersiedlung „Gartenstadt“, deren erstes Haus 1938 eingeweiht wurde. Wer ein Haus – bestehend aus Schlafzimmer, Wohnzimmer, Veranda, angebautem Schweinestall und Plumpsklo und ausgesgattet mit einem Herd, einem Kupferkessel, einem Anschlussrohr, einem Wagen, verschiedenen Gerätschaften, einem Baum und einem Gutschein für ein Ferkel – erwerben wollte, musste bei der „Neuen Heimat“ 900 Reichsmark anzahlen und sich erst drei Jahre lang als würdig erweisen, bevor ihm das Haus übereignet wurde.
 
Quellen:

Boschüre des Gauwirtschaftsberaters Kurt Haßlinger von 1936. Wiedergegeben in: Zöller, Theodor: Meine Rhön. Bd.1. Ostheim 2004. S.67-68.
 
www.wikipedia.de
 
Zöller, Theodor: Meine Rhön. Bd.1. Beiträge zur Entwicklung der Rhön, der unterfränkischen Landwirtschaft und den Bodenkulturstelle Nordwestbayern Mellrichstadt. Ostheim 2004.
 
Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz : Agrar- u. Rassenpolitik in der Rhön. Ein Beitrag zur Landesgeschichte Bayerns, Hessens und Thüringens. Frankfurt/M. 1992.Bd.1.
 
Kraus, Max: Die Heimstättensiedlung in Mainfranken. O.O.1938. Wiedergegeben in: Zöller, Theodor: Meine Rhön. Bd.1. Ostheim 2004. S.69/70.
 

  AutorIn Anne Krenzer
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Ansehen
Riesenflugzeug von Siemens und Schuckert 1918.
Quelle: www.wikipedia.de
Orte (www.rhoen.de)
Bad Neustadt a.d.S.
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