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Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Tann (Historisches Ereignis)
  1933 bis 1945
  Beschreibung

Die jüdische Gemeinde in Tann bestand seit Mitte des 18. Jahrhunderts und zählte 1933 über 20 Familien mit ungefähr 85 Personen. Die meisten Mitglieder gehörten zum bürgerlichen Mittelstand, viele waren als Kaufleute tätig und handelten mit Eisen, Manufakturwaren, Fellen, Vieh etc. Zudem gab es zwei Metzgereien, zwei Bäckereien und eine Spenglerei. Tann hatte eine eigene israelitische Elementarschule und eine Synagoge, die nach dem Stadtbrand von 1879 neu errichtet worden war. Es gab drei jüdische Vereine und noch 1933 traten die Israeliten mit einer eigegen Liste bei den Kommunalwahlen an.

Unterdrückung und Vertreibung der Tanner Juden
Kurze Zeit später begann der Terror durch das Naziregime: Der jüdische Lehrer van der Walde wurde entlassen und die Schüler mussten künftig die städtische Volksschule besuchen – sie bekamen lediglich noch eigenen Religionsunterricht durch Heinrich Okolica. Ende Januar 1934, am Jahrestag der Machtübernahme, wurde bei einem Fackelzug der NS-Formationen eine Fackel in das Fenster des Textilgeschäftes von Salli Moses im Steinweg geworfen. Der Sohn Albert Moses warf die Fackel zurück nach draußen und wurde daraufhin durch SA-Leute und Tanner Bürger beschuldigt, die Fackel von sich aus auf den Zug geschleudert zu haben. Er wurde verhaftet und saß 9 Monate im Gefängnis in Preungesheim. Ende 1934 berichtet der Fuldaer Landrat von Angriffen auf jüdische Bürger und Übergriffen auf deren Häuser und die Synagoge, wobei die Täter von den Juden aus Angst nur selten benannt wurden. Zugleich beklagte er, dass trotz Boykottverordnungen die Landbevölkerung Geschäfte mit den Juden mache. In Tann ließen die Machthaber deshalb abends SA-Posten vor jüdischen Geschäften aufstellen, um heimliche Käufe zu verhindern. Mit den Nürnberger Gesetzten vom September 1935 wurde Juden die Reichsbürgerschaft aberkannt und ihre endgültige Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben begann. Etliche Tanner Juden wanderten nach Palästina, England, Frankreich oder in die USA aus – bis 1939 sind 56 Auswanderer vermerkt. Einige Familien ließen ihre Kinder in Sicherheit bringen.

Novemberpogrom von 1938
Mit dem Novemberporgom 1938 endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Tann. Ob die Übergriffe in Tann bereits vor der eigentlichen Pogromnach stattfanden ist nicht eindeutig feststellbar – die Angaben schwanken zwischen dem 07.11. und 09.11., die Berichte ähneln einander jedoch. Zeitzeugen berichten, wie morgens Männer des Reichsarbeitsdienstes durch die Stadt marschierten und judenfeindiche Lieder sangen. Gegen 19 Uhr kamen laut Berichten des Lehrers Okolica SA-Leute (sogenannte Braunhemden) aus Günthers nach Tann geradelt und leiteten die Zerstörung der Synagoge ein. Andere Zeitzeugen sprechen von Leuten aus Geisa in zivil. Der angetrunkene Ortsgruppenleiter Josef Bott soll den Auftrag gegeben haben, den Viehhändler Max Freudenthal und den Lehrer Okolica im „Klashaus“ gegenüber dem Friedhof einzusperren. Freudenthal wurde zusammengeschlagen, jüdische Wohnungen wurden verwüste und geplündert, Federbetten aufgeschnitten und auf der Straße verstreut und das Auto der Textilhändlerfamilie Jüngster in einen Teich nahe der Ulster geworfen. Okolica jedoch konnte über den Hinterhof entkommen und mit Hilfe zweier Bahnangestellter mit dem Zug zu fliehen. Die Synagoge wurde verwüstet, die heilige Lade entweit, Thorarollen und Gebetbücher auf die Straße geworfen. Dass das Gebäude nicht in Brand gesteckt wurde, wird in Zeitzeugenberichten mit der Angst der Nachbarn um ihre eigenen Häuser und dem Eingreifen des Brandmeisters begründet.

Letzte Spuren der jüdischen Gemeinde in Tann
Eine Woche nach dem Pogrom schlug Bürgermeister Bott dem Hochbauamt Fulda vor, die Reste der Synagoge als Turnhalle oder Versammlungsraum zu nutzen. Ende 1938 wurde jedoch der Abriss angeordnet. Nach 1938 mussten die jüdischen Einwohner ihre Wohnungen verkaufen und Tann verlassen. 20 Gemeindemitglieder, denen die Flucht nicht gelang, wurden 1942/43 in Konzentrationslager verschleppt und kamen dort um. Heute erinnern ein Gedenkstein und ein Denkmal aus Synagogensteinen, die in einem Sägewerk nahe der Ulster entdeckt wurden, an die israelitische Gemeinde in Tann. Der jüdische Friedhof, der in der Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls geschändet worden war, wurde wieder aufgeräumt, die Grabsteine konnten aber nicht mehr richtig zugeordnet werden.
 
Lesen

Wir in Tann. 800 Jahre Stadtgeschichte. Hünfeld 1996.
 
Hohmann, Joachim S. (Hrsg.): Chronik der jüdischen Schule zu Tann (Rhön). Frankfurt a.M. 1997.
 
 
Internet

Informationen zur Tanner jüdischen Gemeinde auf den Seiten der Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum.
 
Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (Teil der Nürnberger Gesetze) vom 15.09.1935.
 

 
Quellen:

Hohmann, Joachim S. (Hrsg.): Chronik der jüdischen Schule zu Tann (Rhön). Frankfurt a.M. 1997.
 
Hohmann, Joachim S.: „Mag er Christ oder Jude sein…“ – Zur Geschichte der israelitischen Gemeinde. In: Wir in Tann. 800 Jahre Stadtgeschichte. Hünfeld 1996. S.268-302.
 
Stoll, Klaus-Hartwig: „Sie haben dadurch Unruhe in die Bevölkerung getragen.“ Anpassung und Widerstand im „Dritten Reich“. In: Wir in Tann. 800 Jahre Stadtgeschichte. Hünfeld 1996. S.442-479.
 

  AutorIn Anne Krenzer
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Ansehen
Gedenkstein und Denkmal mit Steinen der zerstörten Synagoge am Synagogenplatz in Tann.
Quelle: Fotografie von Anne Krenzer.
Jüdischer Friedhof am Weinberg in Tann.
Quelle: Fotografie von Anne Krenzer.
Orte (www.rhoen.de)
Tann (Rhön)
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