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Beginn der Bauernbewegung in der Rhön Mitte der 1920er Jahre (Historisches Ereignis)
  1924 bis 1933
  Beschreibung

Missernte und Not als Auslöser
In der Rhön gab zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Grund der Klima- und Bodenverhältnisse sowie der Erbteilung nur wenige Großbauern und überdurchschnittlich viele kleine und mittlere Landwirtschaften mit unter 5 ha. Ein Großteil der Rhönbauern war daher auf Zuverdienste aus der Heimfertigung, Wander- oder Industriearbeit angewiesen – Sozialversicherung oder Mitgliedschaft in Gewerkschaften waren die Ausnahme. Die Weltwirtschaftskrise und die Missernte von 1924 verschlechterten die Situation zusätzlich. In diesem Zusammenhang erhielt Ernst Putz, seit 1924 Reichtagsabgeordneter der KPD, den Auftrag die Rhönbauern zu mobilisieren und sie zur Solidarität mit den Arbeitern zu bewegen, die sich besonders im Einzugsbereich der Kalibergwerke an der mittleren Werra konzentrierten. Die von Putz einberufene Beratung am 31.08.1924 auf dem Sinntalhof bei Brückenau sollte zum Ausgangspunkt für die Kleinbauernbewegung in der Rhön und schließlich auch in anderen Teilen Deutschlands werden.

Die Versammlung auf dem Sinntalhof und der ersten Rhönbauerntag
Auf dem Sinntalhof fanden sich Vertreter von 28 Gemeinden und über 100 Bauern sowie Vertreter der Landabteilung der Zentrale der KPD und KPD-Landtagsabgeordneten aus Thüringen, Bayern und Hessen ein, um die Notlage der Rhönbauern zu diskutieren. Sie stellten einen sieben Punkte umfassenden „Notruf der Rhönbauern“ zusammen, der u.a. die Gewährung von Krediten, Erlass von Pachtzinsen für staatliche Grundstücke, Steuervergünstigungen und Belieferung mit Staat- und Düngemitteln forderte und sandten ihn an Reichtag, Landtage und Landesregierungen. Für den 14.09.1924 wurde ein allgemeiner Rhönbauerntag in Gersfeld einberufen, was Putz gemeinsam mit einer Kommission über Presse und Flugblätter bekanntmachen sollte. Unterstützt wurde die Bauernbewegung vom Bund schaffender Landwirte (BsL), der 1922 mit Hilfe der KPD als revolutionäre Kleinbauernorganisation gegründet worden war. Die traditionelle Bauernorganisation des Landbundes war dagegen eher großagrarisch geprägt und stellte sich ebenso wie die bürgerlichen Parteien und die staatlichen Machthaber auf Reichs- und Kreisebene gegen die neue Bewegung. Die Versuche der bayerischen und preußischen Behörden, den Rhönbauerntag durch die Verhaftung von Putz zu verhindern, scheiterten. Lediglich die Korrespondenz des Bauernführers konnte beschlagnahmt werden und am 14.09.1924 fanden sich 400 Bauern in Gersfeld ein. Da die Wirte auf Anweisung des Landrates keine Räume zur Verfügung stellten, wurde die Forderungen größtenteils auf der Straße diskutiert und ein Aufruf an die deutsche Bauernschaft verfasst, der als Flugblatt verteilt wurde.

Auswirkungen auf Landes- und Reichsebene
Die Forderungen nach Solidarisierung der Arbeitenden in Stadt und Land wurden in anderen Teilen Deutschlands aufgegriffen: Auch dort protestierten nun Bauern gegen die Politik des Landbundes und der christlichen Bauernvereine und forderten die besondere Unterstützung kleiner Betriebe. Die KPD brachte im Reichstag und in den Landtagen Preußens, Bayerns und Thüringens entsprechende Anträge ein, worauf die Regierungen auch Hilfsmaßnahmen einleiteten, die den Bauern aber ungenügend erschienen. Beim nächsten Rhönbauerntag am 12.10.1924 in Kaltensundheim sollten mögliche Teilnehmer durch Polizei und „Zivilaufklärer“ eingeschüchtert werden. Die ca. 100 Delegierten hielt das nicht davon ab, sich gemeinsam mit KPD-Abgeordeten und Arbeitervertretern nochmals zu den Forderungen zu bekennen und eine Sonderabgabe für Großgrundbesitzer, Großindustrie, Handels- und Bankkonzerne zu fordern. Um die außerparlamentarische Arbeit zu ergänzen, wurde eine Reichskonferenz der Kleinbauern-, Pächter- und Siedlerverände einberufen, aus der die Arbeitsgemeinschaft der schaffenden Landwirte, Pächter und Siedler hervorging. In der Rhön bildeten sich ebenso wie in anderen Gebieten neue Ortsgruppen des BsL, wobei besonders Oberweid und Frankenheim zu Hochburgen des Kommunismus und der Bauernbewegung wurden. Auf Bauerntagungen wurde 1926 ein neun Punkte umfassendes Rettungsprogramm beschlossen und ein Reichskongress der Werktätigen am 03.- 05.12. in Berlin angesetzt. Der vorausgehende Rhönbauerntag Anfang Oktober befasste sich mit dem Thema „Die Bauernpolitik im Reichs- und Landtag, der Landbund und der Reichskongress der Werktätigen“. Die Rhön als Ausgangspunkt der Bauernkomiteebewegung und insbesondere die thüringische Rhön blieben bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten wichtig für die Bündnisse zwischen Kommunisten und Bauern. Danach konnte die Arbeit nur illegal fortgesetzt werden.
 
Quellen:

Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz : Agrar- u. Rassenpolitik in der Rhön. Ein Beitrag zur Landesgeschichte Bayerns, Hessens und Thüringens. Frankfurt/M. 1992. Bd.1.
 
Reinhold, Josef: Die KPD und der ‚Bund schaffender Landwirte’ in der Rhön 1924-1933.“ In: Jahrbuch für Regionalgeschichte. 1988.
 

  AutorIn Anne Krenzer
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Ansehen
Rhöner Bauern beim Pflügen.
Quelle: Reproduziert in: Sauer, Josef-Hans (Hg.): Die Rhön. Grenzland im Herzen Deutschlands. Fulda 1960.
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