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Katastrophe im Grezzbach- bzw. Krätzbachbunker (Historisches Ereignis)
  27.12.1944
  Beschreibung

Fulda als Hauptangriffsziel
Die Bombardierung Fuldas als „Primärziel“ und der damit zusammenhängende Einsturz des Krätzbach- oder Grezzbachbunkers vom 27.12.1944, die an einem Tag über 700 Menschenleben forderten, sind als „Katastrophe“ in die Stadtgeschichte eingegangen. Der taktische Angriff der amerikanischen Luftflott, der auf das Fuldaer Bahngelände zielte, hing zusammen mit der letzten Offensive deutscher Truppen im Westen. Durch Bombardierung der Verkehrsanlagen sollte den Deutschen der Nachschub abgeschnitten werden. Die knapp 1400 Sprengbomben von ca. 316 Tonnen, die um die Mittagszeit auf die Stadt niedergingen, schlugen überwiegend in der Nähe des Reichsbahngeländes ein. Was für die US-Airforce ein Erfolg war, wurde für die Fuldaer Bevölkerung eine Tragödie, die den Schrecken anderer Luftangriffe übertraf.

Tunneleinsturz und verzweifelte Rettungsaktionen
Der Krätzbachbunker unter den Gleisen des Verschiebebahnhofs zwischen der Künzeller und Edelzeller Brücke wurde Hunderten von Schutzsuchenden zum Verhängnis. Der unterirdische Durchlauf des Krätzbachs war mit Hilfe von Bohlen und Rosten über der offenen Wasserrinne zum Luftschutzstollen ausgebaut worden und bot Platz für 1000 Personen, wobei diese gerade aufrecht stehen konnten. Der 400 m lange Durchlass hatte in der Mitte einen Knick und öffnete sich auf der einen Seite Richtung Mehler-Werke, auf der anderen Richtung Künzell/Bachrain. Am 27.12.1944 ist der Tunnel, der v.a. Mitarbeitern der Firma Mehler Schutz bot, brechend voll. Wenige Minuten nach dem Fliegeralarm bringen zwei Einschläge das Gewölbe des Bunkers zum Einsturz und ein Teil der Tunnels wird sowohl zur Mitte als auch zur Edelzeller Straße hin verschüttet. Die Beleuchtung ist ausgefallen und im Tunnel bricht Panik aus, als klar wird, dass die Wege nach draußen nicht freizubekommen sind. Zeitzeugen berichten, wie Überlebende versuchen, die Bohlen aufzubrechen und über den Wasserlauf zu entkommen, über Tote und Bewusstlose hinwegkriechen oder sich mit Gewalt einen Weg bahnen. Die Luft wird knapp und das Wasser staut sich über dem Podium – möglicherweise ist aber gerade der mit dem Wasser einströmende Sauerstoff eine Erklärung dafür, dass überhaupt eine Überlebenschance bestand. Erst ca. 7 Stunden nach dem Unglück gelingt es der Bergungskolonne, von der Bachrainer Seite ein faustgroßes Loch in die Wand zu stoßen und den Verschütteten Sauerstoff zuzuführen. Knapp 70 Überlebende kriechen durch einen schmalen Gang ins Freie; die Eingeschlossenen, die überlebt haben, sind z.T. bewusstlos oder können sich nicht rühren, weil Tote auf ihren Beinen lasten, und werden erst nach und nach gerettet. Die z.T. entstellten Toten werden zur Identifizierung durch Angehörige aufgebahrt.

Beschönigung der Katastrophe
Nahezu ohne Betreuung werden die Geretteten ihrem Schicksal und den psychischen Folgen der Katastrophe überlassen. Einzelne Überlebende berichten, dass sie ohne Betreuung Kilometer weit nach Hause laufen mussten. Die nationalsozialistischen Entscheidungsträger waren bemüht, Hiobsbotschaften, die die Bevölkerung hätten demoralisieren und entmutigen können, unter Verschluss zu halten und statt dessen die Wut auf die „Brutalität und Bestialität“ des Feindes zu lenken. Zu dem Angriff, bei dem insgesamt 707 Menschen starben, äußerte sich die Gauleitung knapp in der Fuldaer Zeitung: „In den gestrigen Mittagsstunden wurde die Stadt Fulda von den anglo-amerikanischen Mordbrennern erneut überfallen. Wohnviertel und sogar Krankenhäuser wurden bei bester Erdsicht angegriffen. Die Bevölkerung hatte Verluste.“ Diese lapidare Aussage greift 50 Jahre später Günther Sagan auf und macht das Schicksal der Fuldaer Bevölkerung im Luftkrieg zum Gegenstand historischer Publikationen.
 
Lesen

Sagan, Günter u.a.: Der Tod kam in der Mittagszeit : Fulda im Bombenkrieg 1944 – 1945. Gudensberg-Gleichen 2004.
 
 
Quellen:

Sagan, Günter u.a.: Der Tod kam in der Mittagszeit : Fulda im Bombenkrieg 1944 – 1945. Gudensberg-Gleichen 2004.
 
Sagan, Günter: Die Bevölkerung hatte Verluste : Der Luftkrieg im Raum Fulda vom September 1939 bis zum März 1945. Fulda 1994.
 

  AutorIn Anne Krenzer
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Ansehen
Plan zum verschütteten Krätzbachtunnel aus der Sammlung Günter Sagan.
Quelle: Reproduziert in: Sagan, Günter: Der Tod kam in der Mittagszeit. Gudensberg-Gleichen 2004.
Westlicher Eingang zum Krätzbachbunker.
Quelle: Fotografie aus dem Stadtarchiv Fulda. Reproduziert in: Sagan, Günter: Der Tod kam in der Mittagszeit. Gudensberg-Gleichen 2004.
Orte (www.rhoen.de)
Fulda, Stadt
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