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Machtkampf um die Exklave Ostheim (Historisches Ereignis)
  1933 bis 1945
  Beschreibung

Unklare Verwaltungsgliederung
Ostheim mit seinen vier Gemeinden und rund 3600 Einwohnern gehörte zur Zeit des Nationalsozialismus zum thüringischen Landkreis Meiningen, war aber vom unterfränkischen Kreis Mellrichstadt umgeben und stellte so eine Exklave dar. Bereits in der Weimarer Republik hatte Ostheim zum Land Thüringen gehört, war aber Fachverwaltungen im Fränkischen Raum zugeordnet. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten gehörte Ostheim zum Gau Thüringen mit der Kreisleitung Meiningen, wobei sich die Gaueinteilung anfangs an den Wahlkreisen der Weimarer Republik orientierte. Was die Gliederung der Partei- und Rüstungsorganisationen wie Wehrmacht, SA, SS, Sicherheits- und Ordnungspolizei usw. nach Wehrkreisen anging, war Ostheim allerdings Franken zugeteilt. Die Zuständigkeiten überlagerten sich also, was zu einer Rivalität auf verschiedenen Machtebenen führte: Die Landräte Gommlich (Meiningen) und Unger (Mellrichstadt) bekämpften sich ebenso wie die Gauleiter und späteren Reichsverteidigungskommissare Sauckel (Thüringen) und Wagner (Bayern), wobei auf der obersten Instanz auch der Reichsminister des Innern Wilhelm Frick und Reichsleiter Martin Bormann miteinbezogen wurden.

Absurder Kampf um Zuständigkeiten
Im Zusammenhang mit diesen Machtkämpfen und unklaren Aufgabenverteilungen kam es zu geradezu skurrilen Auseinandersetzungen: So gehörte Ostheim etwa in Bezug auf den zivilen Luftschutz zu Bad Kissingen, war aber, was den behördlichen Luftschutz anging, dem Meininger Landrat unterstellt. Gauleiter Wagner hatte dadurch 1939 zu beklagen, „daß bei angeordneten Verdunkelungsübungen des Regierungsbezirks Mainfranken mitten im Landkreis Mellrichstadt das Gebiet um Ostheim in hellem Licht erstrahlte.“ Auch in Bezug auf die Kriegswirtschaft gab es Konflikte, z.B. weil nicht klar war, ob die neuen Wirtschafts- und Ernährungsämter Reichs- oder Landesbehörden waren. Die Streitthemen der beiden Landräte erstreckten sich von der doppelten Ausgabe von Lebensmittelkarten bis hin zur Zulassung und Treibstoffversorgung von Kraftfahrzeugen. Unger ließ 4/5 aller Fahrzeuge zu und versorgte sie mit Treibstoff, Gommlich ließ den Rest zu und bestand auf die Treibstoffversorgung von Seiten Mellrichstadts. Das lehnte Unger z.T. ab, im Gegenzug widerrief Gommlich einige der Mellrichstädter Zulassungen. Der Streit um die Exklave weitete sich aus und wurde ab Herbst 1939 von den Reichsverteidigungskommissaren Wagner und Sauckel selbst geführt. Wagner forderte Sauckel auf, Ostheim seinem Wehrkreis zu überlassen, der lehnte ab und versuchte sich mit Hilfe von Beziehungen zur mittleren Parteiebene durchzusetzen, wobei er sich wiederum auf die Wirtschaftshoheit über Ostheim berief.

Bayern behält die Oberhand
Thüringen setzte sich zunächst mit Hilfe von Sauckels Beziehungen zu höherstehenden Funktionären durch. 1942 brach der Konflikt aber wieder auf, nachdem Hitler und Bormann die Stärkung der Gauleiter veranlasst hatten. Jeder Gauleiter war nun sein eigener Reichsverteidigungskommissar und Exklaven wurden dem Bezirk zugeteilt, der sie zum größten Teil umschloss – im Falle Ostheims war das der Landkreis Mellrichstadt. Sauckel protestierte gegen den Machtverlust über Ostheim und versuchte über das Reichsministerium des Innern Einfluss auf Bormann zu gewinnen, hatte aber keinen Erfolg. „Die thüringischen Kreis- und Zentralstellen sind räumlich zu weit von […] Ostheim entfernt“, antwortete Bormann selbst am 08.07.1943. Wenig später wurde Ostheim auch wirtschaftlich Bayern unterstellt und zum 01.01.1944 übernahm der Mellrichstädter Landrat die Betreuung. Sauckel protestierte bis 1944 gegen weitere „Zuständigkeitsverlagerungen“ u.a. mit dem Argument, dass Ostheim wirtschaftlich von seinem Zuständigkeitsbereich abhängig sei – tatsächlich wurden landwirtschaftliche Erzeugnisse und Vieh v.a. nach Thüringen geliefert und viele Arbeiter pendelten in die Suhler Rüstungsbetriebe. Ostheim blieb jedoch bei Bayern und an diesem Zustand änderten auch die amerikanischen Militärregierungen nichts mehr. Am 15.06.1945 vereinbarten die Kommandanten von Meiningen und Neustadt/Saale, dass Ostheim bei Neustadt bleiben solle. 1947 nahm das Land Thüringen die „friedliche Annexion“ Ostheims hin, ohne allerdings offiziell zu verzichten – die Geschichte der Exklave war beendet.

 
Quellen:

Brather, Hans-Stephan: Der „Frosch-Mäuse-Krieg“ um die Exklave Ostheim in der Rhön. 1939-1945. Rivalisierende Gaufürsten im Gestrüpp ihrer Zuständigkeitsüberlagerungen. In: Gockel, Michael (Hrsg.): Thüringische Forschungen. Weimar 1993. S. 532-562.
 

  AutorIn Anne Krenzer
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Ansehen
Wappen der Stadt Ostheim vor der Rhön.
Quelle: www.wikipedia.de
Orte (www.rhoen.de)
Ostheim v.d. Rhön
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