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Dr. Hellmuth-Plan oder Rhönaufbauplan (Thema)
  1933 bis 1945
  Beschreibung

Totale Umstrukturierung im Sinne des „Blut und Boden“-Gedankens
Der nach dem unterfränkischen Gauleiter und späteren Regierungspräsidenten Otto Hellmuth benannte Plan zielte auf die agrar- und rassenpolitische Umstrukturierung des angeblichen „Notstandsgebietes“ Rhön. Seine Umsetzung war einerseits mit Kultivierungsmaßnahmen wie Entsteinung, Trockenlegung, Wegebau, Anlage von „Windschutzriegeln“ verbunden, die vom Reichsarbeitsdienst (RAD) sowie von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern durchgeführt wurden. Andererseits sah der Plan die Sippenkundliche und rassenbiologische Erfassung der Rhönbevölkerung vor, was mit „Durchmusterung“ und im schlimmsten Fall mit Sterilisierung, Internierung, Umsiedlung oder gar dem Euthanasie-Tod verbunden war. Ziel des „Rhönaufbauplans“ war die völlige Umgestaltung von Landwirtschaft, Landschaft und Bevölkerung in ca. 15 Jahren, wobei die Errichtung von ertragreichen Erbhöfen und ihre Besetzung mit geeignet erscheinenden Menschen eine wichtige Rolle spielten.
1934/35 griffen der hessische Landrat Burkhardt und Kreisbauernführer Feuerborn Hellmuths Vorhaben als „Rhönplan“ auch für die hessische Rhön auf. Für die thüringische Rhön legte Minsterpräsident Marschler einen eigenen Plan vor, der sich in Teilen aber an den Plan seines Gegners Hellmuth anlehnte. Da Hellmuths Vorhaben in die offizielle Agrarpolitik des Reichsbauernführers Darré passte,
konnte der Gauleiter auch Hitler überzeugen, dass die „Not in der Rhön (…) nur durch eine vollkommene Strukturwandlung“ zu beheben sei, die 300 bis 350 Mio Reichsmark kosten sollte.

Inhalt des Dr. Hellmuth-Plans
Hellmuths Gauwirtschaftsberater Kurt Haßlinger, der vermutlich selbst großen Anteil am „Hellmuth-Plan“ hatte, erwähnt das Vorhaben erstmals in einer Denkschrift vom 15.11.1933. Auf die Beschreibung der Rhön als unwirtschaftliche Gegend, die von Besitzzersplitterung, Überbevölkerung, Fremdarbeit und verödeten Flächen geprägt sei, folgen Lösungsvorschläge, welche die Rhönbevölkerung vor „dem wirtschaftlichen und seelischen Verkommen“ retten sollen. Auf den ersten Blick scheinen Straßen- und Wegebau, Urbarmachung, Flurbereinigung, Schaffung neuer Wohnungen, Aufforstung usw. Hellmuth tatsächlich als „Retter der Rhön“ auszuweisen. Angesichts der eher verhaltenen Zustimmung der überwiegend katholischen Rhönbauern zum Nationalsozialismus war der geschickte Propagandist bemüht, seine „Blut und Boden-Politik“ als wohltätiges Kultivierungs-Werk darzustellen. Er ließ eine „Werbestelle Rhön und Spessart“ gründen (der Spessart wurde allerdings bald aus dem Aufbauplan ausgeschlossen), organisierte eine Wanderausstellung, veranlasste Rundfunksendungen und Zeitungsberichte. Dass „nordische Aufartung“, „Abschaffung besonderer Elendsfälle“ und Entfernung „überschüssiger“ Bevölkerung auch Sterilisation, Umsiedlung und Ermordung bedeuten konnten, übersahen Teile der Bevölkerung ebenso wie in- und ausländische Journalisten und Delegationen. Wer den Plan kritisierte – und sei es in antegrunkenem Zustand im Wirtshaus – musste mit Schutzhaft und Verbringung in Konzentrationslager rechnen.

Viel Beachtung, wenig Effektivität
Dass die Ergebnisse trotz allem in keinem Verhältnis zu den Investitionen standen, zeigte sich schon 1938/39: Die landwirtschaftliche Ertragssteigerung war ebenso unbefriedigend wie die Vermehrung der Erbhöfe, die klimatischen Verbesserungen durch Aufforstung und die Erfolge bei der Umerziehung der Rhöner in Bezug auf Geschmack, Traditionsverbundenheit und politische Einstellung. Von den geplanten Grundstücksumlegungen war nur ein Bruchteil abgeschlossen. Mit Kriegsbeginn wurden der Dr. Hellmuth-Plan und seine Ableger durch Themen wie Lebensraum in Osten, Sicherung wirtschaftlicher Autarkie und „kriegswichtige“ Produktion in den Hintergrund gedrängt. Die Propaganda lief unterdessen weiter – noch 1944 erläuterte Max Kraus, Vorstand der Landwirtschaftsstelle Bad Neustadt, der Presse die Erfolge des Hellmuth-Plans, wobei neben Hebung der Kleintierzucht und Anlage von Musterkulturen auch die „Dorfauflockerung“ Fladungens gepriesen wurde.
 
Lesen

Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz : Agrar- u. Rassenpolitik in der Rhön. Ein Beitrag zur Landesgeschichte Bayerns, Hessens und Thüringens. Frankfurt/M. 1992. Bd.1.
 
 
Quellen:

Brief Otto Hellmuths vom 26.03.1934. Ediert in: Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz. Frankfurt/M. 1992. Bd.2. S.80/81.
 
Zöller, Theodor: Meine Rhön. Bd.1. Beiträge zur Entwicklung der Rhön, der unterfränkischen Landwirtschaft und den Bodenkulturstelle Nordwestbayern Mellrichstadt. Ostheim 2004. V.a. Quellen auf S.66ff.
 
Marschler, Willi: Denkschrift über die thüringische Rhön. Weimar 1934. Ediert in Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz. Bd.2. Frankfurt/M. 1992. S.61-73.
 
Beschreibung des Dr.Hellmuth-Planes für die Presse von Max Kraus. 24.01.1944. Wiedergegeben in: Zöller, Theodor: Meine Rhön. Bd.1. Ostheim 2004. S.73/74.
 
Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz : Agrar- u. Rassenpolitik in der Rhön. Ein Beitrag zur Landesgeschichte Bayerns, Hessens und Thüringens. Frankfurt/M. 1992. Bd.1 u. Bd.2.
 

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Ansehen
Erklärung des Fuldaer Landrates über den „Rhönplan“ in der Fuldaer Zeitung vom 11.02.1935.
Quelle: Abgedruckt in: Hohmann, Joachim S.: Landvolk unterm Hakenkreuz : Agrar- u. Rassenpolitik in der Rhön. Ein Beitrag zur Landesgeschichte Bayerns, Hessens und Thüringens. Frankfurt/M. 1992. Bd.2. S.501.
Plakat zur Wanderausstellung über die Aufbaupläne für Rhön und Spessart.
Quelle: Reproduziert in: Hohmann, Joachim S.: Die hessische Rhön im "Dritten Reich". Bd.1. Hünfeld 1995.
Dr. Otto Hellmuth, mainfränkischer Gauleiter.
Quelle: Foto reproduziert in: Hohmann, Joachim S.: Die hessische Rhön im "Dritten Reich". Bd.1. Hünfeld 1995.
Dokumente
Ansiedlung der Siemens-Schuckert-Werke und Bau von Arbeitersiedlungen in Bad Neustadt
Burkhardt
Einrichtung der Rhönkulturstelle in Mellrichstadt
Einsatz des Reichsarbeitsdienstes (RAD) in der Rhön
Erlass des Reichserbhofgesetzes 1933
Feuerborn
Hellmuth
Hochrhönstraße
Ludwig-Siebert-Hof oder Rhönhof bei Hausen
Schmidt-Kehl
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